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Predigt von Pfarrer Dr. Apfelbacher
zum seinem Abschied
am Sonntag, den 2. Oktober 2005

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Zur Zukunft des Christentums und der Kirche

Verehrte Schwestern und Brüder!

Es ist jetzt 21 Jahre her, da wurde ich – genau am 1. Oktober 1984 – hier Pfarrer in St. Ursula. Jetzt ist meine Zeit hier zu Ende. Natürlich geht mir da vieles durch den Sinn: Schöne Erlebnisse, auch manche anstrengende; Menschen, denen ich gut tun konnte, und andere, bei denen mir das nicht so gelang; Begegnungen, die vor allem Kraft kosteten, und viele Begegnungen, die mir einfach wohl taten. Ich bin dankbar für diese Zeit, wie ich sie erlebte, und für alle Hilfe und Unterstützung und Begleitung, die ich erfahren durfte. – Gestatten Sie mir so etwas wie ein Schlusswort. Worauf ist es mir angekommen? Worauf wird es auch in Zukunft ankommen? Lassen Sie mich einige Punkte nennen, worauf es nach meiner Überzeugung im Grunde für die Zukunft der Kirche ankommt, die ihren Weg in Geiste unseren Herrn Jesus Christus zu gehen sich bemüht.

Worauf ist es mir angekommen? Mein Primizspruch war, was Sie eben in der Le­sung aus dem 2. Korintherbrief gehört haben (2 Kor 5, 18): „Alles kommt von Gott, der uns mit sich durch Christus versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat.“ Dieser Spruch hat mich durchs Leben begleitet. Er gilt mir heute noch.

Worauf wird es auch in Zukunft ankommen? Zunächst: Erinnern wir uns: Vor 40 Jahren, am 8. Dezember 1965, ging das II. Vatikanische Konzil zu Ende. Es war ein Reformkonzil, es ging um das aggiornamento, um die Erneuerung der Kirche in Treue zum Evangelium und in Aufmerksamkeit auf die Menschen von heute, auf ihre „Freude und Hoffnung, ihre Angst und Trauer“, auf ihre Sehnsucht nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit, nach Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Liebe und Solidarität und Würde. Das Konzil hat eine grundlegende Reform der Kirche gewollt und angeregt. Es wollte die Kirche, die Gemeinschaft derer, die an Christus glauben,zurüsten für die Aufgaben und Fragen, vor die sie sich in Zukunft gestellt sehen wird. Aber es ist klar: Ein Programm zur Erneuerung ist noch nichtdie Erneuerung selbst, höchstens Voraussetzung und Anfang auf dem Weg zur Erneuerung.

Inzwischen ist Wesentliches gelungen, die Kirche ist im Sinne des II. Vatikanischen Konzils unumkehrbar anders geworden. Viele, die sich konservatistisch-nostalgisch zurücksehnen in die Zeit vor dem Konzil, die ihnen als gute alte Zeit eines wahren Katholizismus erscheinen möchte, können sich nicht vorstellen, wie reformbedürftig die Kirche damals war, und wie sehr sich die Leute damals danach sehnten, dass Verkrustungen aufbrechen, frischer Wind hineinkommt und – um ein Wort des sel. Papstes Johannes XXII. zu benutzen – so etwas wie „ein neues Pfingsten“ geschieht. Aber viele Reformen sind auch liegen ge­blieben oder wurden abgeblockt, und sie sind liegen geblieben nicht aus guten Gründen, sondern weilkleingläubiger Wille zum Konservieren und Festhalten mächtiger war als der gläubige Wille zur Reform.

Das II. Vatikanische Konzil hat verkündet: Die Kirche ist heilig und zugleich bleibt sie die Kirche der armen Sünder, die wir alle sind. Deshalb geht sie – hoffentlich – „immerfort den Weg der Umkehr und der Erneuerung“. Auf diesem Weg ist sie ständig konfrontiert mit „ihren Trübsalen und Mühen, auch ihren „internen Trübsalen und Mühen“. Damit sind gemeint deprimierende, sogar evangeliums­widrige Zustände aller Art, die ausweglosen Situationen, versäumten Chancen, verschlepptenoder verhinderten Reformen, auch der mühselige und manchmal aufreibende Umgang mit eigensinnigen, pedantischen, begriffsstutzigen Menschen, mit denen man es auf allen Ebenen der Kirche leidvoll zu tun haben kann. Die Kirche wird – so das Konzil – „von der Kraft des Auferstandenen ... gestärkt, um ihre Trübsale und Mühen ... durch Geduld und Liebe“ zu über­winden. (LG Nr. 8) – Worauf kommt es also an: Bitten wir um die Kraft des Auferstandenen, damit wir und die gesamte Kirche „mit Geduld und Liebe“ den Weg der Umkehr und Erneuerung wirklich gehen.

Ein Zweites: Wir werden im Blick haben müssen – auch dies eine Grundperspektive des Zweiten Vatikanischen Konzils: Es darf der Kirche nie um sich selbst, ihre Selbstherrlichkeit und Macht gehen. Nicht die Kirche, sondern Christus ist „das Licht der Völker“,wie der erste Satz der Konstitution über die Kirche programmatisch sagt. Und am Beginn der „Pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute“ steht der Leitsatz wie ein Merksatz: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, insbesondere der Armen und Bedrängten aller Art, sind die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen Widerhall fände.“ (GS 1). Daraus ergibt sich das Hauptthema der Konstitution und das Hauptthema der Kirche der Zukunft: „Der Mensch ..., der eine und ganze Mensch, mit Leib und Seele, Herz und Gewissen, Vernunft und Willen steht im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Die heilige Synode – also das Konzil – bekennt darum die hohe Berufung des Menschen, sie erklärt, dass etwas wie ein göttlicher Same in ihn eingesenkt ist, und bietet der Menschheit die aufrichtige Mitarbeit der Kirche an zur Errichtung jener brüderlichen Gemeinschaft aller, die dieser Berufung entspricht. Dabei bestimmt die Kirche kein irdischer Macht­wille, sondern nur dies: unter der Führung des Geistes, des Trösters, das Werk Christi selbst weiterzuführen, der in die Welt kam, um der Wahrheit Zeugnis zu geben; zu retten, nicht zu richten; zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen.“ (GS 3) – Das sind feierliche Proklamationen. Sie wollen Wirklichkeit werden! Der Hauptpunkt ist: Die „hohe Berufung“ eines jeden Menschen, der „göttliche Same“, der in jedem Menschen eingesenkt ist und wachsen möchte. Ob nun dieser Mensch leistungsfähig und fit ist oder nicht, ob er ein „nützliches Glied der Gesellschaft“ ist, oder nicht, ob er Christ ist oder nicht, ob er Deutscher ist oder nicht, ob er mir sympathisch ist oder nicht – ein „göttlicher Same“ lebt in ihm, der ans Licht will. Auf jedem Menschen ruht deshalb „göttliches Wohlgefallen“ – wie es im Weihnachtsevangelium heißt –, und deshalb lockt uns unsere christliche Religion, ihm mit Achtung und mit Zuneigung zu begegnen, uns ihm zuzuwenden, wie wir uns Gott zuwenden möchten, und Gemeinschaft mit ihm zu suchen, wie wir uns nach der Gemeinschaft mit Gott ausstrecken. Oder speziell christlich zugespitzt: In jedem Menschen, auch im erbärmlichsten und unliebenswürdigsten, auch im Gegner und Feind, begegnet uns Christus (vgl. Mt 25), in dessen Nachfolge zu stehen wir irgendwie doch angetreten sind.

Manchmal sind Leute unsicher, was das Wesentliche des Christentums sei. Hier wird das Wesentliche sichtbar. Die Mitleidenschaft mit den Menschen, selbst den verachtetsten, ist sicher nicht etwas ausschließlich Christliches, aber sie gehört zum Wesen des Christentums. Man kann nicht Christ sein und zugleich der Auffassung, Gott hätte nicht alle Menschen ohne Ausnahme und in gleicher Weise zur Würde seines göttlichen Lebens erhoben. Es kann kaum ein Zweifel sein: Dass in jedem Menschen ein „göttlicher Same“ lebt, dass also jeder Mensch Anteil am göttlichen Leben hat und deshalb Achtung und Sympathie verdient, ist keineswegs eine Allerweltsmeinung in unserer Gesellschaft und in der Welt. Es wird in Zukunft eine zentrale Aufgabe der christlichen Kirchen und der Christen je an ihrem Ort sein, diese christliche Humanität zu bezeugen in Wort und Tat, und auch für sie zu streiten, und gegen eine Lebensauffassung zu streiten, die der Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit und Humanität dort eine Grenze setzen und sie vergessen möchte, wo sie beginnt, unangenehm und unbequem, kostspielig und belastend zu werden, wo sie dem Streben nach dem maximalen eigenen Gewinn in die Quere kommt und deshalb nicht mehr in den Kram passt.

EinDrittes: Das Interesse an Religion ist in unserer Welt in einem vor einigen Jahren noch ungeahntem Maß gewachsen. Noch geht das an den Kirchen ziemlich vorbei. Die Frage an uns wird sein: Welche Religion, welchen Gott bezeugen wir im Namen des Evangeliums? Viel Skepsis gegen die Kirchen kommt daraus, weil viele Menschen befürchten, dass der Gott der Kirchen die Menschen in ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten einschränkt, sie klein und untertänig hält, sie im Namen Gottes autoritär fremdsteuern will. Die Gewissensfrage an uns wird sein: Ist der Gott, den wir verkünden und bezeugen, wirklich schon der Gott, den uns unsere Bibel bezeugt, der die Menschen hinausführen will aus ihrer Enge in die Weite, aus ihrer Knechtschaft in die Freiheit, aus ihrer Unwürdigkeit zu ihrer Würde, aus ihrer Angst und Verzweiflung zur Hoffnung, aus ihrer Verkümmerung zu lebendiger reifer Menschlichkeit, aus ihrer oft beklemmenden Vereinzelung in das lebensförderliche Miteinander? Bei Irenäus im 2. Jahrhundert steht: „Der Ehre Gottes ist der lebendige Mensch“. Unsere biblische und jüdisch-christliche Tradition bezeugt uns, dass Gott ein Liebhaber des Lebens ist, der uns anstecken will, das Leben zu lieben wie er, uns darüber zu freuen, und es zu loben, wo immer es sich regt, und miteinander durch alle Bedrängnis den Weg des Lebens in Hoffnung zu gehen.

In dem Maße, wie es den Kirchen und uns gelingt, das zu leben und zu bezeugen in Wort und Tat, ist mir um ihre Zukunft und die Zukunft des Christentums nicht bange. Ich denke, wir müssen uns nur umsehen, dann können wir entdecken, wie – bei allem Kleinmut und aller Enge – auch viel Tapferkeit und Treue im Umgang mit fremden Leid in den Menschen lebt, wie viel Großmut und Güte, Anteilnahme, Geduld und Liebe auch gelebt wird, wie vielen Menschen daran liegt, Wahrheit und Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit zu fördern und zu schützen, und wie wir dies auch hier in unserer Pfarrgemeinde St. Ursula erleben können. All das kann uns ermutigen und in uns das Vertrauen und die Hoffnung stärken, dass Gott uns und allen Menschen und seiner Schöpfung und auch seiner Kirche treu ist. —