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Predigt zur Amtseinführung
von Pfarrer Theil am 16. Oktober 2005

David W. Theil

Predigtarchiv

Mt. 9,10-13, Röm. 5,1-5

Liebe Schwestern, liebe Brüder, 

als Ihr neuer Pfarrer komme ich zum Glück nicht als ganz Fremder. Seit fast drei Jahren darf ich hier in unserer Gemeinde, in der ich seit acht Jahren lebe, mitarbeiten. Und doch ist es ein großer Einschnitt im Leben unserer Gemeinde und in meiner persönlichen Biographie.

So möchte ich an diesem Tag ein paar Grundsätze dessen, was mir wichtig ist, verdeutlichen. Ich komme zu Ihnen nicht als einer, der es kann und der es weiß. Ich komme in dem Vertrauen, dass Gott alles in die Gemeinde St. Ursula hineingelegt hat, was sie zu ihrem Leben braucht und dass es nun zu meiner Hauptaufgabe gehört, mitzuhelfen, dass unsere Gemeinde, um in einem vertrauten Bild des Evangeliums zu sprechen, dass St. Ursula immer neu die Kostbarkeit ihres Schatzes entdeckt und die Mühsal ihres Ackers tragen kann. Bei der Mühsal des Ackers: Baulast, maroder Kirchturm, steigende Energiekosten, sinkende Einnahmen, bei der Mühsal möchte ich an diesem festlichen Tag nicht verweilen. Gerne sage ich etwas von dem Schatz St. Ursula. Zunächst ist es der Ort. Schwabing gilt ja zu recht als die schönste Tochter Münchens und unsere ehrwürdige Pfarrkirche, deren Campanile man schon, aus der Innenstadt kommend, am Karolinenplatz sieht, wird von vielen liebevoll als „Schwabinger Dom“ bezeichnet und macht München noch mehr zur nördlichsten Stadt Italiens. Der liturgische Raum ist neu ausgerichtet im Sinne der Erneuerung des Zweiten Vatikanischen Konzils: Die Gemeinde versammelt sich um eine lebendige Mitte, und auch die Kirchenmusik ist nicht auf der Empore abgestellt, sondern sichtbar als lebendiger Teil der versammelten Gemeinde, die nicht als Objekt, sondern als Subjekt Liturgie aktiv feiert und mitgestaltet und so verdichtet darstellt, was im Lebensalltag der Menschen Geltung haben soll. Mutige Pfarrer und Gemeindemitglieder sind hier eingetreten für die Bedürfnisse und Belange des Menschen von heute. In den furchtbaren Bombennächten des Zweiten Weltkrieges wurde St. Ursula verschont. Auch wenn es bei der kirchlichen Obrigkeit Stirnrunzeln auslöste, wurde unsere Pfarrkirche zum Zufluchtsort für ausgebombte Menschen, die hier ihr Hab und Gut einstellen konnten und selbst Schutz und Zuflucht fanden. Um die Zeit des Konzils wurde das Drängen nach einer offenen Kirche, nach einer Kirche, die die Sorgen und Nöte, die Freude und Hoffnung der Menschen teilt und ernst nimmt, hier in St. Ursula besonders deutlich und es wurde viel gerungen um den Weg der Erneuerung aus der Kraft des Evangeliums. Der Aufbruch der Kirche zu den Menschen hin, ein Entwurf von christlichem Glauben, dem nichts Menschliches fremd ist, hat sich hier im Namen des menschgewordenen und menschenfreundlichen Gottes entfaltet. Die ökumenische Bewegung hat durch viele Rückschläge hindurch hier bis heute eine Heimat. Menschen, die ganz geprägt sind von Konzil und Synode, finden hier einen Ort geschwisterlicher Vergewisserung. Hier in St. Ursula wurde ein Miteinader auf gleicher Augenhöhe von Priestern, pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und der Gemeinde schon gelebt, als der Begriff „kooperative Pastoral“ noch gar nicht entwickelt war. St. Ursula ist eine offene Gemeinde, die, mit dem was wir im Evangelium gehört haben, versucht, ernst zu machen. Unsere oft menschlich verständlichen Einteilungen in richtig und falsch, in fromm und gottlos, in katholisch und nicht rechtgläubig, diese Einteilungen können sich nicht auf Jesus Christus berufen. ER ging immer, um des konkreten Menschen willen, nicht nur an die Grenze, ER hat zu enge Grenzen aufgesprengt und überwunden. „Barmherzigkeit nicht Opfer“, das ist heute mehr denn je prophetisches Amt, in einer Kirche, die in der Spannung von nostalgischer Gestrigkeit und charismatischer Schwärmerei den barmherzigen Blick für den Menschen von heute zu leben versucht. „Geht nach Hause und lernt, was Gott meint, wenn er sagt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Wir brauchen Orte, an denen wir zu Hause sind, Orte der Barmherzigkeit, Orte an denen wir lernen dürfen, dass Gott nicht Feind, sondern Freund des Menschen ist, Orte der heilenden Erfahrung, dass wir in unserer Gebrochenheit, mit unserem Können und unserem Unvermögen, mit unserer Hoffnung und unserer Enttäuschung, mit unserer Traurigkeit und unsere Lebenslust, liebend gesehen sind und ernst genommen werden. Orte, an denen wir ermutigt werden, unser Leben in all seiner Fragwürdigkeit zu leben, im Wissen und im Vertrauen, dass dem Gott der Christen nichts Menschliches fremd ist, ja, dass ER unser Menschsein und uns in unserem Menschsein, so tief annimmt, dass ER selbst, in Jesus Christus, Mensch wird und menschliches Schicksal in Gebrochenheit teilt. So ein Ort ist für mich St. Ursula und ich möchte mit all meiner Kraft und wissend um meine eigene Gebrochenheit und Begrenztheit mitarbeiten an dieser Vision christlicher Menschlichkeit. Lassen Sie mich noch einen Augenblick bei dem verweilen, wie ich Leitungsverantwortung in unserer Gemeinde wahrnehmen möchte: Sie wissen, dass ich in meiner Lebensbiographie beschenkt bin mit der gelebten Erfahrung benediktinischer Spiritualität. Aus der großen Weisheit der Regel des heiligen Benedikt möchte ich Ihnen einige Kernsätze vorstellen, denen ich mich verpflichtet fühle. Benedikt sagt: „Der, der Leitungsverantwortung hat, zeige eher durch Taten, als mit Worten, was gut und heilig ist, er zeige den Willen Gottes durch sein Beispiel. Er hat die mühevolle Aufgabe, Seelen zu leiten und der Eigenart Vieler zu dienen. Dem Charakter und der Fassungskraft jedes Einzelnen suche er zu entsprechen. Das Erbarmen übertreffe immer das Richten. Muss er zurechtweisen, so gehe er klug vor und tue nicht zuviel des Guten, damit das Gefäß nicht zerbricht, wenn er den Rost allzu eifrig auskratzen will, und er suche mehr geliebt, als gefürchtet zu werden. Er ordne alles mit Maß, damit die Starken finden, was sie suchen und die Schwachen nicht weglaufen.“ Liebe Schwestern, liebe Brüder, meine liebe Gemeinde St. Ursula, wir stehen am Anfang eines hoffentlich langen gemeinsamen Weges. Ich bin sehr gerne Ihr neuer Pfarrer und, wie es mein Primizspruch ausdrückt, nicht als Herr über Ihren Glauben, sondern als Mitarbeiter an Ihrer Freude.

A M E N