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Predigt zur Tauferneuerung
von Pfarrer Theil am 12. Oktober 2005

Pastoralreferentin
Susanne Schwarz

Predigtarchiv

Im Evangelientext wird berichtet, dass Jesus von Nazareth aus Galiläa zu Johannes dem Täufer an den Jordan kam, um sich von ihm taufen zu lassen.
Wer war Johannes der Täufer? Johannes lebte in der Wüste, weitab von den Menschen. Er trug ein Büßergewand und lebte asketisch, ohne Luxus und Annehmlichkeiten. Und vor allem: Er predigte das Kommen des Reiches Gottes und sprach vom Messias, der da kommen solle.  

Die Umkehrpredigt des Johannes und sein konsequentes Leben faszinierte die Menschen. Sie kamen in Scharen und voller Erwartung. Seine Worte: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe“ traf den Kern ihrer Erwartungen. Das Volk Israel hoffte auf das Kommen des Messias: dieser sollte sie befreien aus der äußeren Not der Besatzung durch die Römer und aus der inneren Not der Erfüllung des Gesetzes. Im Stillen überlegten sie, ob Johannes selbst vielleicht der Messias sei. Doch Johannes weist dies scharf von sich. Er weist nur auf den hin, der da kommen soll.

Johannes predigte das Nahen des Reiches Gottes und als Zeichen der Umkehr und Reinigung tauchte er die Menschen im Jordan unter, um sinnbildlich das Alte und Unreine zurückzulassen und einen Neu­beginn zu wagen.  

Das Volk war offenbar bereit, seine Lebensweise zu ändern, umzukehren und Buße zu tun.
Und auch Jesus war offensichtlich tief beeindruckt von der Predigt des Johannes, seiner asketischen Lebensform und der Hoffnung auf das Kommen des Messias. Er lässt sich zum Zeichen des Neubeginns von Johannes im Jordan untertauchen. Bei dieser Zeremonie – so berichtet der Evangelist Markus – „öffnete sich der Himmel, und der Geist kam wie eine Taube auf ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“
In den Augen des Evangelisten ist die Bereitschaft Jesu, sich für das Reich Gottes zu engagieren mit der Legitimation von Gott herver­bunden.
Was immer damals am Jordan geschah, im weiteren Leben Jesu hat sich offensichtlich das Kommen des Reiches Gottes gezeigt. Nach der Taufe Jesu im Jordan hat sein Leben neu begonnen. Aus dem Bauarbeiter, der wahrscheinlich im Dienst der Besatzungsmacht Rom stand, wird ein Prediger, der das Reich Gottes verkündet und lebt.
Ganz gewiss hat sich der Vorgang am Jordan im Erleben Jesu tief eingeprägt. Er nimmt von da an selbstverständlich die Legitimität seines Tuns durch Gott in Anspruch. Was Jesus von da an sagt, tut und verkündet, geschieht im Namen Gottes.
Jesus erlebt sich von Gott angenommen, in einer intimen Aussage zu Gottes Sohn gemacht. Dieser Rückbezug auf Gott ist Jesus in seinem Leben nie abhanden gekommen. In seinen Beziehungen zu sozial Be­nachteiligten, in seinem Ernstnehmen jedes einzelnen Menschen, in seiner Ankündigung einer positiven Zukunft – immer hat er sich in Ver­bindung mit Gott, den er vertrauensvoll Vater nennt, gewusst. 

Mit der Taufe Jesu im Jordan und dem Zuspruch Gottes ist die Grundstruktur auch unserer Taufe angesprochen. Auch für uns ist es ein Neubeginn mit Gottes Zusage, dass auch wir seine geliebten Töchter und Söhne sind. Auch wenn unsere Eltern es waren, die die Entscheidung getroffen haben (weil es so Tradition war, dazugehört, weil sie eine bewusste christliche Erziehung für uns wollten) so ge­schah es doch in der Erwartung, dass Gott seine schützende und weg­weisende Hand nicht von uns nimmt.
Und spätestens seit der Firmung sind wir selbst ganz persönlich in die Verantwortung genommen worden, ob wir als mündige Christen leben wollen oder nicht.
Und wir wären heute wohl nicht hier, wenn wir uns nicht für das Leben eines Christen entschieden hätten – vielleicht implizit, aber eben doch.  
Die Motive und Gründe mögen unterschiedlich sein, doch eines haben wir alle gemeinsam:
Als Christen sind wir auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft.
Wir sind bei der Taufe öffentlich aufgenommen und hinein ge­nommen worden in die Gemeinschaft der Christen, d.h. in die Gemeinschaft derer, die zu Christus gehören. 

Wir müssen bei unserer Taufe, unserem Neubeginn, nicht mehr auf das Kommen des Messias hoffen wie die Menschen zur Zeit Jesu. Wir haben heute die Gewissheit, dass mit Jesus das Reich Gottes bereits angebrochen ist und dass sich im Leben Jesu die Grundgestalt auch unseres Lebens und die unverbrüchliche Treue Gottes gezeigt hat. Und daher gilt für uns:
So wie Jesus haben auch wir von Gott die Zusage bekommen, dass wir „Gottes geliebte Töchter“ und „Gottes geliebte Söhne“ sind. Auch wir sind von Gott erwählt, von ihm bedingungslos angenommen. Bei der Taufe werden wir beim Namen genannt – jede und jeder von uns ist persönlich von Gott angesprochen und gemeint. Uns ist in allen Lebenslagen die Zusage SEINER Gegenwart gegeben: in Freud und Leid, in Angst und Not, im Leben und Sterben.  

Diese Zusage Gottes gilt es im Alltag zu leben: Unsere bedingungslose Annahme von Seiten Gottes sollte unserem Leben immer wieder Hoffnung und neuen Auftrieb geben: da, wo einer verzeihen will, d.h. den ersten Schritt tut, obwohl der andere nicht auf ihn zugekommen istda, wo einer dem anderen hilft, obwohl nichts für ihn selbst dabei herauszuspringen scheint da, wo einer den anderen ernst nimmt in seiner Würde und seinem Menschsein Taufe ist also so gesehen mehr als ein idyllisches Kinderfest, das ein­mal am Anfang unseres Lebens stand. Taufe war und ist immer Neubeginn und bleibt somit ein dauernder Auftrag, den wir bei der Tauferneuerung neu beleben.  

All unser Tun – hier in der Gemeinde in St. Ursula und auch anderswo – muss aus dem Verständnis heraus geschehen, dass wir eine Gemeinschaft sind, die auf den Namen Jesu Christi getauft ist. Daraus bezieht sie ihre Berechtigung und Verpflichtung, aufeinander zuzugehen, miteinander zu leben und so den Leib Christi aufzubauen.
Und nur so kann in Wahrheit für jeden und jede von uns gesagt werden, dass sich der Himmel öffnete und eine Stimme aus dem Himmel sprach: „Du bist meine geliebte Tochter, mein geliebter Sohn.“
Selbst die juristische Verfassung der katholischen Kirche, das Kirchenrecht, nimmt Bezug auf diese wichtige Grundtatsache im Leben eines Christen. So heißt es im Canon 208:
„Unter allen Christgläubigen besteht aufgrund ihrer Wiedergeburt in Christus in ihrer Würde und Tätigkeit eine wahre Gleichheit, in der alle, gemäß der ihnen eigenen Stellung und Aufgabe, am Aufbau des Leibes Christi mitwirken.“
Dass im praktischen Bereich unserer Kirche die wahre Gleichheit in Würde und Tätigkeit noch nicht angemessen anerkannt ist, müssen wir immer wieder schmerzlich erfahren.
Aber dennoch sollte es für uns ein Ansporn sein, die wahre Gleichheit zu verwirklichen und so am Aufbau des Leibes Christi, mitzuwirken, hier in unserer Gemeinde St. Ursula, jeder an seinem Platz, je nach Fähigkeit, Funktion und Stellung, sei es als Pfarrer, Mitarbeiterin, Ehrenamtliche – mit welchen Aufgaben auch immer – jeder und jede wirkt mit.
Im Leben Jesu finden wir genügend Handlungsimpulse, wie wir als Christen handeln können, damit sich bei uns allen die erlebbare Gewissheit durchsetzt: Wir alle sind – unterschiedslos - Töchter und Söhne Gottes.
Wenn wir uns nachher mit dem Taufwasser bekreuzigen, so sagen wir ja zu einem Leben im Sinne Jesu und können auf die Zusage Gottes vertrauen: Du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebter Sohn.