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Predigt (Vorabendgottesdienst) der Amtseinführung
von Pfarrer Theil am 12. Oktober 2005

Pfarrer Thomas Schwaiger

Predigtarchiv

Verehrte liebe Gemeinde von St. Ursula,
sehr verehrter Herr Pfarrer
lieber David! 

St. Ursula schickt sich an, seinen neuen Pfarrer zu empfangen und zu be­grüßen.
Wir tun das mit Freude und mit Hoffnung auf eine gute Zukunft, die der Zeit gehört.
Wir halten noch einmal inne – und wir schauen auf die Toten.
An der Säule –  neben dem Taufstein – sind die Namen der toten Priester von St. Ursula im Stein verzeichnet:
Dr. Peter Erlacher, der erste Pfarrer von St. Ursula (ab 1886),
Franz Borgias Lugbauer (bis 1938),
Stefan Eglseer, an den ich mich aus meinen Kindertagen erinnere,
und der letztverstorbene Pfarrer von St. Ursula
RichardLipold, der von 1958 bis 1983 Pfarrer von St. Ursula war.
Wir finden auch den Namen des 1946 verstorbenen Kaplans Otto Kleber.
Auch wenn nicht in Stein verzeichnet: Ich möchte auch die Namen der toten Priester benennen, die in St. Ursula unter der Zeit Richard Lipolds Kapläne waren: Reinhold Metzger, Gottfried Wiesbeck und Ernst Blöckl.
Unter die Namen der toten Priester stelle ich bewusst und gerne auch die Namen unserer lieben Johanna Lachner (+ 1996) und des 1992 verstorbenen Mesners Günther Büchler.
Den Toten gehört das Wort der Lesung (Jes 56,5): 

Ihnen allen errichte ich in meinem Haus
und in meinen Mauern ein Denkmal,
ich gebe ihnen einen Namen ...
Einen ewigen Namen gebe ich ihnen,
der niemals ausgetilgt wird.

Darum sind ihre Namen in Stein geschlagen.
Wer waren diese Menschen?
Lass es Dir über die Zeit erzählen, lieber David.
Die Toten sind Deine helfenden Begleiter.
Und es sind genügend Menschen, die noch erzählen können.
Setze Dich dem Charme der Älteren und Alten aus, ihren Geschichten und Erinnerungen.
Ihre Erzählungen sind kostbar. 

Ich selbst bin hier in St. Ursula groß geworden. Der mich prägende Pfarer war Richard Lipold, der mir noch heute Vater und innerer Gefährte ist.
Bereits in meinem ersten Studiensemester ließ er mich predigen.
Als ich so das erste Mal eine Albe anzog, zog er mir das Zingulum, den Gürtel, so eng, dass ich kaum mehr Luft bekam. Und zornig sagte er: „Jetzt spürst du, wie der Zölibat ist“.
Alles, was eng war in der Kirche, was Luft zum Atmen nimmt, erfüllte ihn mit Misstrauen und mit Zorn - bis in sein hohes Alter hinein. Wenn er ins Ordinariat ging, - nicht immer freiwillig -, dann zitterte nicht er.
Er war der Priester der Menschen und der trotzige Mahner für die Menschenwürde in der Kirche, er ergriff Partei für Abgeschobene und Ausgegrenzte, er gab Suchenden Heimat, ohne dafür ein Credo einzuklagen; Ökumene war ihm selbstverständlich, er ließ die Frauen der Gemeinde zu selbstbewussten Gestaltungsträgerinnen werden – auch im Dienst der Liturgie.
Anfang der 60er hatte er bereits einen Brettertisch als provisorischen Altar in die Mitte des Kirchenraums gestellt, mitten hinein unter die Menschen, für die allein er seinen Dienst begriff.
Richard Lipold lebte seine Liebe handgreiflich und konkret, aber auch kurz und bündig. Was er zu sagen hatte, das sagte er direkt in wenigen Worten; er lehrte mich, dass ein Sonntagsgottesdienst spürbar unter einer Stunde sein solle.
Und wenn jemand ihm gegenüber zu lange und nichtssagend sich in Worte verlor, dann nahm er demonstrativ seinen Hörapparat aus den Ohren. Man traf ihn bis ins hohe Alter auf der Straße, auf dem Weg in ein Krankenhaus oder Altersheim, man traf ihn in Treppenhäusern.
Das Pfarrhaus war offen: manchmal glich es einem Basar oder einem Flohmarkt, wenn irgend etwas gesammelt wurde. Eine Ordnung auf seinem  Schreibtisch erkannte nur er; seine „geheime“ Kasse, aus der er half, war eine Schuhschachtel.
Zu seiner Privatheit gab es eine Grenze. In seinen Privaträumen über dem Erdgeschoss, wo er auch seine legendären Geschenke bastelte, war ich nie.  

Lieber David,

nachahmen kannst und brauchst Du diesen Mann nicht. Aber der Geruch seines Mutes und seine direkte Konkretheit hat sich in die Poren des Mauerwerks von St. Ursula eingegraben.
Du wirst ihm oft begegnen.
Lieber David, die letzten Monate, als wir noch gemeinsam im Haus Viktoriastraße 4 lebten, haben wir im Treppenhaus massive und bedrängende Renovierungsarbeiten über uns ergehen lassen. Der gesamte Putz des Treppenhauses wurde abgeschlagen und es war beeindruckend, die hundert Jahre alten Balken zu sehen, die noch heute die Statik des Hauses tragen. Manchem Balken hat wohl die Zeit zugesetzt und dennoch: auf ihnen ruht das Haus, in dem wir Modernen leben.
Dir, David mag ich dieses Bild als Trostbild in Erinnerung rufen.
Du bist es nicht, der das Haus von St. Ursula trägt.
Es ist errichtet.
Sorge Du, das es Bestand hat, äußerlich und innerlich.
Sei achtsam gegenüber dem Tragenden, das vor Dir war, und ziehe Dein Herz und Dein Vermögen als neuen und zusätzlich tragende Balken ein, wähle Deine Farben, setze Deine Akzente –  zusammen mit den Menschen,
die mit Dir arbeiten und und sich in Liebe mühen.

Liebe Gemeinde,
verehrter Herr Pfarrer, lieber David.
Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. (Joh 14,1)
Deine Wohnung, David, ist bereitet.
Das Pfarrhaus hast Du bezogen.
Und wenn die alten Dielen knarzen:
Es sind die Botschaften der Toten. 

So mögen die Toten Dich segnen,
Dich und die Gemeinde von St. Ursula,
und zugleich den Weg freimachen für das,
was heute zu tun ist.
 

Was ist zu tun?
„Zeig uns den Vater, das genügt uns.“ (Joh 14,8)