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Predigt und Fürbitten
 anläßlich des 40. Weihetag
von Pfarrer Dr. Apfelbacher am 02. Juli 2006

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Karl-Ernst Apfelbacher
Im Dienst der Versöhnung. Zu 2 Kor 5, 18


Verehrte Schwestern und Brüder!

Zur Priesterweihe und zur Primiz habe ich mir vor 40 Jahren ein Wort gewählt aus dem Zweiten Korintherbrief, das Sie eben in der Lesung (2 Kor 5, 14–20) gehört haben: „Alles kommt von Gott, der uns mit sich durch Christus versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat.“ (2 Kor 5, 18) Dieses Wort begleitet mich bis heute.

Darf ich etwas dabei verweilen. Paulus nennt also sein eigenes seelsorgliches Wirken und alles seelsorgliche Wirken „Dienst der Versöhnung“. Wir alle, die wir als Christen darauf vertrauen, dass wir in Christus mit Gott versöhnt sind, stehen im „Dienst der Versöhnung“. Was ist damit gemeint?

I.

Eine Schwierigkeit ist: Das deutsche Wort „Versöhnung“ kommt von Sühne und „Sühne leisten“, also „Wiedergutmachen“ und „Ersatz leisten“. Das aber ist hier mit „Versöhnung“ sicher nicht gemeint. Wir kommen mit dem Pauluswort besser zurecht, wenn wir auf die ursprüngliche Bedeutung achten. Dazu zwei Hinweise. Erstens: Das Wort, das hier im griechischen Neuen Testament steht [katallagé], kommt von „ändern, verwandeln“ [allássein] und meint eigentlich: dass sich jemand so verändern, umwandeln und erneuern lässt, dass er sich auf einen anderen zubewegen kann, mit ihm einig wird und Frieden findet.

Und zweitens: „Versöhnung“ – das lateinische Wort dafür führt noch zu einem anderen Gesichtspunkt. Lateinisch steht hier reconciliatio, Rekonziliation. Darin steckt das Wort „Konzil“, Versammlung. Dienst der Versöhnung will bewirken, dass man sich wieder versammelt, dass man sich nicht gegenseitig abweist und nicht feindlich abwehrt und nicht bloß aufrechnet, was man sich schuldig geblieben ist, sondern dass man zusammenkommt, miteinander ins Gespräch kommt, die Würde des anderen sucht und achtet, sich in sein Leid hineinfühlt und beginnt, der Sehnsucht nach Solidarität und Frieden nachzugehen, die uns in allem Streit doch verbindet. Und dass man auch dann noch das Gespräch sucht, wenn man eigentlich schon resigniert sagen möchte: „Das bringt ja nichts mehr.“ „Das lohnt sich ja doch nicht.“ „Der ändert sich ja doch nicht.“ Paulus ist überzeugt: Es steht uns nicht zu, klein beizugeben. Denn: Wenn Gott in Christus die Welt, also auch uns, „mit sich versöhnt hat“ (2 Kor 5, 19), dann dürfen wir vertrauen, dass das Miteinander-Reden, so aussichtslos es erscheinen mag, nicht umsonst ist, sondern dass in diesem Suchen nach Versöhnung Gnade und Rettung und Heil und der Segen Gottes liegt.

Wichtig ist dabei, sich darauf gefasst zu machen: Versöhnung – man kann das nicht einfach beschließen oder gar erzwingen. So: „Gerade hatten wir Krach, aber jetzt beschließen wir: Wir sind wieder gut und also versöhnt.“ Versöhnung, die Suche nach dem Gespräch, das Gespräch selbst, das Sich-Verän­dern der Beteiligten, all das sind oft lange, mühselige Wege, durch unwegsa­mes Gelände, voller Hindernisse, auf die wir uns einlassen müssen, wenn wir unserer Sehnsucht nach Versöhnung die Treue halten wollen. Und wir müssen auch dem anderen Raum geben und Zeit lassen, bis er sich einlassen kann und einlässt – nach und nach. Ich denke: Viel Groll und Feindseligkeit entsteht, weil wir zu wenig Geduld haben mit uns selbst und mit den anderen. Aber: Sich Versöhnen heißt: geduldig, zäh und beharrlich suchen, manchmal auch: warten, auf Sackgassen gefasst sein, weitersuchen, bis eine neue Möglichkeit, sich zu verständigen, aufgeht, die uns vorher so nicht klar war. Und so entsteht dann Verständigung, Ver­söhnung und Frieden für uns, für den anderen.

Paulus nennt seinen gesamten Dienst: „Dienst der Versöhnung“. Machen wir uns klar: In dieser Welt gibt es so viel Unversöhnlichkeit, Verweigerung des Gesprächs, Misstrauen gegen die Fähigkeit und den Willen des anderen. Die Überzeugung, dass Versöhnung und Frieden möglich ist, ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit. Wir Christen sind – im Vertrauen, dass die Menschen mit Gott versöhnt sind, und im Vertrauen, dass sie im Heiligen Geist sich ändern können und auch wollen, – berufen zu der Aufgabe, unbeirrbar und stets von Neuem für Gespräch und Verständigung zu sorgen. Diese Aufgabe kann sehr unpopulär sein. Aber: Es gehört zum Wesen christlichen Glaubens und Hoffens, dass der Geist Gottes die Herzen der Menschen bewegt, „wenn Feinde wieder miteinander sprechen“, wie es dann im Hochgebet heißt, wenn „Verzeihung den Hass überwindet“ und Menschen ins Gespräch kommen, um miteinander nach Wahrheit und Einigkeit und Frieden zu suchen.

II.

Um die Aktualität des Wortes vom „Dienst der Versöhnung“ zu ermessen: Vor 42 Jahren – 1964 – schrieb Papst Paul VI. in seiner er­sten Enzyklika Ecclesiam suam, die damals großes Aufsehen erregte: „Die Kirche muss zum Gespräch (Colloquium), zum Dialog mit der Welt kommen, in der sie nun einmal lebt. Die Kirche macht sich selbst zum Wort, zur Botschaft, zum Dialog.“ (Ausgabe Rex-Verlag Nr. 60) – zu einem Dialog, „in dem sich Wahrheit und Liebe, Klugheit und Güte verbinden“ (Ausgabe Rex-Verlag Nr. 77). Sie „muss bereit sein, den Dialog mit allen Menschen guten Willens innerhalb und außerhalb ihres eigenen Bereiches zu führen. … Niemand ist ihrem Herzen fremd. … Niemand ist ihr Feind, der es nicht selbst sein will. Nicht umsonst nennt sie sich katholisch, nicht vergebens ist sie beauftragt, in der Welt Einheit, Liebe und Frieden zu fördern“. (Ausgabe Rex-Verlag Nr. 86f.)

Auf dieser Linie proklamiert ein Jahr später (1965) das Zweite Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute: Die Kirche sucht Dialog und Kooperation mit allen Menschen (GS 92). Sie will: (1) Dialog zunächst schon innerhalb der eigenen katholischen Kirche: Die Sendung der Kirche verlangt, „ dass wir vor allem in der Kirche selbst, bei Anerkennung aller rechtmäßigen Verschiedenheit, gegenseitige Hochachtung, Ehrfurcht und Eintracht pflegen, um ein immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen in Gang zu bringen, die das eine Volk Gottes bilden, Geistliche und Laien“. Dass dieser Satz auch heute noch brandaktuell ist, darüber dürfte kein Zweifel möglich sein. Dann wird die Regel zitiert, die Papst Johannes XXIII. liebte: „Im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe.“ Die Kirche will (2) Dialog und Zusammenarbeit mit den Brüdern [und Schwestern], die noch nicht in voller Gemeinschaft mit uns leben, und ihren Gemeinschaften“, also den öku­­menischen Dialog mit den anderen „Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften“. Sie will (3) Dialog mit allen, „die Gott anerkennen und in ihren Traditionen wertvolle Elemente der Religion und Humanität bewahren“, also mit den nichtchristlichen Religionen. Sie will (4) Dialog mit allen, die zwar Gott nicht anerkennen, aber „hohe Güter der Humanität pflegen“. (5) „Der Wunsch nach einem solchen Dialog … schließt unsererseits auch die nicht aus, die Gegner der Kirche sind und sie auf verschiedene Weise verfolgen“. Denn: Alle sind berufen, Brüder und Schwe­stern zu sein; „und darum müssen wir aus derselben menschlichen und göttlichen Berufung ohne Gewalt und Hintergedanken zum Aufbau einer wahrhaft friedlichen Welt zusammenarbeiten“.

Dies waren für uns vor 40 Jahren wegweisende Worte. Als wir am 29. Juni 1966 von Kardinal Julius Döpfner die Priesterweihe empfingen – es war die erste in unserer Diözese nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil –, da empfanden wir uns schon irgendwie als Erstberufene auf der Schwelle zu einer neuen Epoche der Kirche. Wir waren beflügelt von der Idee, in den Dienst einer Kirche treten zu dürfen, die sich im Sinn des Evangeliums erneuern will, die menschenfreundlich, aufgeschlossen, dialogbereit sein will.

III.

Wie bedeutsam diese Grundsätze noch heute und für die Zukunft sind, dazu ein Wort. Es gibt es in den Kirchen, jedenfalls in der katholischen Kirche, derzeit mächtige Strömungen, das damals geforderte aufrichtige Gespräch zwischen allen gering zu achten, ja sogar für schädlich zu halten; manche halten es sogar für Glaubenstreue, wenn sie es verweigern und nicht mit sich reden zu lassen. Man fordert statt dessen eindeutige und möglichst einfache Anweisungen und Befehle – ein Bischofswort, ein Papstzitat, woran man sich dann halten kann, ohne selber denken zu müssen. Solche Forderungen führen nicht zu geistvoller Vielfalt der Begabungen, die zusammenarbeiten, sondern zu geistloser Polarisierung zwischen Fronten, die – selber lernunwillig – sich bekämpfen, schlechtmachen und sogar bezichtigen, nicht recht katholisch zu sein.

Im Widerspruch dazu will ich betonen: Uns ist der „Dienst der Versöhnung“ gegeben. Und dieser Dienst besteht darin, dass wir, jeder an seinem Platz und nach seinen Möglichkeiten, das Gespräch und den Dialog mit den Menschen suchen, und von uns aus niemanden ausschließen, damit wir mit ihnen – wie das Zweite Vatikanische Konzil formuliert hat – „aus derselben menschlichen und göttlichen Berufung ohne Gewalt und Hintergedanken zum Aufbau einer wahrhaft friedlichen Welt zusammenar­beiten“ können. Bemerkenswert und tröstlich ist: Diesen Dienst zu tun, – nichts kann uns daran hindern, kein Papst, kein Bischof, wenn sie denn wollten, keine kirchlichen Strukturen, kein Reformstau, auch kein Pfarrer. Klar ist: Unsere Kirchen stehen, wie die Gesellschaft insgesamt, in einem Umbruch. Und man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen in den Kirchen damit gut und am Evangelium orientiert zu Recht kommen. Wie auch immer. Entscheidend ist: Die Zukunft der Kirche und des Evangeliums entscheidet sich daran, ob Menschen da sind, die, je an ihrem Platz, tapfer und zuversichtlich, mit Liebe und Ausdauer, in den „Dienst der Versöhnung“ getreten sind.

IV.

Ein Letztes möchte ich sagen. Man mag manchmal schon erschrecken über das Ausmaß von Hass und Feindseligkeit und Unversöhnlichkeit in der Welt. Und man kann das Klagen über die schlimmen Zeiten und die böse Welt sogar verstehen. Aber ich erinnere mich heute auch dankbar an den Pfarrer, bei dem ich vor 40 Jahren als Kaplan angefangen und gelernt habe. Der Mann war nicht blauäugig. Er kannte die Menschen, ihren Kleinmut, die Enge ihres Herzens, auch ihre Bosheit und Verbohrtheit. Und doch konnte er sagen: „Wenn ich meine Erfahrungen in der Seelsorge kurz zusammenfassen soll, dann möchte ich sagen: Die Menschen sind großartig.“ Und „Ich habe die Menschen im Laufe der Zeit immer mehr lieben gelernt.“ Und: „Die Menschen sind zum Guten geneigt. Ob sie es zusammenbringen, ist eine andere Frage, aber sie sind doch zum Guten geneigt.“ Diese Sätze gingen mir nicht aus dem Sinn durch die Jahre. Manchmal war ich schon auch schwer versucht, sie für unhaltbar zu halten. Aber ich habe auch immer wieder gemerkt, und ich bin überzeugt: Wenn wir mit freundlichen Augen hinschauen, dann können wir erleben, wie viel Tapferkeit und Treue, Großmut und Güte, Anteilnahme, Geduld und Liebe die Menschen beseelt, wie vielfältig sie mit Phantasie und Kraft dabei sind, Hass zu überwin­den, Feinseligkeit aufzubrechen, Konflikte zu schlichten. Oder – mit Paulus gesagt – im „Dienst der Versöhnung“ zu stehen. Als Chri­sten wissen wir, dass in all diesem unverdrossenen Bemühen Gottes Geist und Gottes Liebe in der Welt und in den Menschen gegenwärtig ist und wirkt. Wir dürfen Gott und den Menschen dafür dankbar sein. Und wir können Mut fassen, jeder an seinem Platz und stets von neuem, in den „Dienst der Versöhnung“ zu treten. —

Fürbitten:

Lasst uns beten.
Gott, in deinem Sohn Jesus Christus
hast du uns Versöhnung geschenkt und uns den Dienst der Versöhnung gegeben.
Im Vertrauen darauf bitten wir:

-     Für die christlichen Kirchen und alle,
die sich mit Jesus Christus verbunden haben:
dass sie ein Ort der Wahrheit und Freiheit,
der Gerechtigkeit und des Friedens werden.

GL 358,3:Lasset zum Herrn uns beten: Herr, erbarme dich...

-     Für die Mächtigen in den Völkern und Staaten:
dass sie nicht maßlos werden,
dass sie sich ihrer Verantwortung für den Frieden in der Welt bewusst sind,
dass sie Wege suchen und finden,
die kriegerischen Auseinandersetzungen zu überwinden
und neuer Bedrohung entgegenzutreten.

GL 358,3:Lasset zum Herrn uns beten: Herr, erbarme dich...

-     Für alle Menschen, Familien und Völker,
denen Kriege Wunden schlagen:
in Afghanistan, im Irak, im Gazastreifen und im Vorderen Orient,
im Sudan und anderswo:
dass sie in der Sinnlosigkeit ihres Geschicks nicht völlig verbittern,
sondern sich den Funken Hoffnung bewahren können.

GL 358,3: Lasset zum Herrn uns rufen: Herr, erbarme dich...

-     Für alle, die das Gespräch zwischen den Religionen suchen:
dass sie in Treue zur Wahrheit und in Respekt voreinander
gefährliche Vorurteile abbauen helfen und so dem Frieden dienen.

GL 358,3:Lasset zum Herrn uns beten: Herr, erbarme dich...

-     Für uns alle:
dass wir einander zugetan sind
barmherzig, freundlich, ehrfürchtig, milde, großmütig,
dass wir auch dann miteinander auskommen,
wenn unsere Wünsche und Meinungen aufeinanderprallen,
dass wir Frieden stiften und Versöhnung suchen
und in Frieden handeln.

GL 358,3:Lasset zum Herrn uns beten: Herr, erbarme dich...

-     Für die Verstorbenen,
für unsere Toten
und für die Todesopfer in den Katastrophen und Grausamkeiten in aller Welt:
dass sie leben in deiner Herrlichkeit.

GL 358,3:Lasset zum Herrn uns beten: Herr, erbarme dich...

Vater im Himmel,
wir bitten dich:
Segne alle, die um Frieden und Wohlfahrt der Menschen bemüht sind;
nimm uns die Angst vor der Zukunft
und lass uns selbst zu Boten des Friedens werden.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn. – Amen