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Lesung: 1 Kor 3, 9c–11.16–17 — Ev.: Lk 19, 1–10
Karl-Ernst Apfelbacher
Sehr geehrte Schwestern und Brüder!
Lassen Sie mich ein wenig zurückblenden. Vor 20 Jahren, am 21. Oktober 1984 – Kirchweihfest und Patrozinium der heiligen Ursula – hat mir der damalige Nachbarpfarrer von St. Joseph, P. Ingbert Fürst, in Vertretung des Dekans die Schlüssel dieser Kirche St. Ursula überreicht und mich damit in meine Aufgabe als Pfarrer dieser Pfarrei St. Ursula eingeführt. Seit 20 Jahren bin ich nun hier Pfarrer. Und es geht mir da in diesen Tagen vieles durch den Sinn, schöne Erlebnisse, auch manche anstrengenden, Menschen, denen ich gut tun konnte, und andere, denen ich nicht gut tun konnte, Begegnungen, bei denen ich meine Nächstenliebe stark anspannen musste, und viele Begegnungen, die mir einfach wohl taten. Und ich spüre, dass ich dankbar bin für diese Zeit, wie ich sie erlebte, und für alle Hilfe und Unterstützung und Begleitung, die ich erfahren durfte. – Lassen Sie mich einige Dinge sagen, die ich gerne sagen möchte. – Drei Punkte.
Erstens: Ich erinnere mich: Bei meiner Amtseinführung vor 20 Jahren habe über das Evangelium Joh 1, 35–39 gepredigt. Johannes der Täufer schickt zwei seiner Jünger zu Jesus. Jesus wendet sich ihnen zu und fragt sie: „Was wollt ihr?“ Und die Jünger sagten: „Wo wohnst du?“
Was ich damals dazu sagte, hat sich für mich bewährt und ist mir auch heute noch wichtig – ganz allgemein, wie wir das Christsein verstehen können, und speziell für mich, wie ich das Pfarrersein verstehen kann. Entscheidend in allem Christsein und in aller gegenseitigen Seelsorge ist, dass wir lernen, uns diesen beiden Fragen zu stellen „Was willst du?“ und „Wo wohnst du?“, anders gesagt: „Wo stehst du?“ oder auch „Woraus lebst du?“, und dass wir, jeder für sich, lernen, im eigenen Inneren eine Antwort darauf zu finden.
Wenn ich recht sehe: Viele Menschen leiden darunter, dass ihnen kaum je im Ernst diese Fragen gestellt wurden. Sie wissen zwar, was andere von ihnen wollen, und sie hören es bis zum Überdruss. Und in ihrer Angst, die Erwartungen der anderen nicht zu erfüllen, reiben sie sich auf, und es kann sein, dass ihnen die Frage nach sich selbst, nach dem, was sie selber im Grund ihres Herzens wollen, und wo ihr Stand und ihr eigentlicher Lebensquell ist, dass ihnen das entgleitet. Und dann laufen sie Gefahr, am Ende dazustehen mit dem Empfinden: Ich weiß nicht, wozu mein Leben gut war.
Seelsorge, „Verkündigung des Evangeliums“, unser gegenseitiger Dienst an unserer Menschwerdung, das bedeutet, dass wir uns ermutigen, diesen beiden Lebensfragen nicht auszuweichen, sondern uns ihnen stets von neuem zu stellen „Was willst du in deinem Grunde?“ und „Wo wohnst du?“ Und wenn man dem Johannes–Ev folgt, dann ist der Mut, mit diesen Fragen zu leben, der erste Schritt, sich selbst und dem anderen nahe zu kommen, auch der erste Schritt, die erlösende Kraft des Evangeliums bei sich selbst und in der Begegnung mit anderen Menschen zu spüren.
Ein weiteres ist mir wichtig geworden. Zweiter Punkt. „Was willst du?“ „Wo wohnst du?“ „Wo stehst du?“ „Woraus lebst du?“ Diese Lebensfragen können wir uns gegenseitig nur stellen, ohne dabei übergriffig zu werden und bedrängend zu werden, wenn wir von der Überzeugung durchdrungen sind, die auch das II. Vatikanische Konzil ins Zentrum gerückt hat: In jeden Menschen wohnt und wirkt – wie es heißt – „etwas wie ein göttlicher Same“ (Gaudium et spes 3, 2), ein göttlicher Funke, der schöpferische Geist Gottes. In jeder Taufe bekennen wir uns dankbar und vertrauensvoll zu dieser Überzeugung: Jeder Mensch ist mit der Würde göttlichen Lebens ausgezeichnet, also unendlich kostbar. Ob nun jemand, mit dem ich es zu tun bekomme, leistungsfähig ist oder nicht, ob er – wie man so sagt – ein „nützliches Glied der Gesellschaft“ ist oder nicht, ob er Christ ist oder nicht, ob er Deutscher ist oder nicht, ob er mir sympathisch ist oder nicht – ein „göttlicher Same“ lebt in ihm, der ans Licht möchte. Deshalb ruht auf jedem Menschen – wie es in der Weihnachtsbotschaft heißt – ein „göttliches Wohlgefallen“. Und deshalb gehört es zum Christsein und zu aller Seelsorge, dass ich jedem Menschen mit Respekt und Ehrfurcht begegne, wie es seiner göttlichen Würde entspricht. – Viel Leid und viel Sünde entsteht, wenn Menschen das Bewusstsein dieser ihrer Würde (wie immer sie es nennen) verloren haben, und wenn sie ihre Angst, wertlos zu sein, mit großmauliger Angeberei überspielen wollen. – Wichtiger als den Menschen ihre Sünden vorzuhalten, ist es, ihnen einen Zugang zu ihrer Würde wieder zu eröffnen und sie darin zu bestärken. Ich erinnere an die Lesung heute aus dem 1. Korintherbrief: „Wisst ihr nicht, dass ihr Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3, 16) Wir müssen uns immer wieder zureden, diese unsere Würde, die Würde aller Menschen, nur ja nicht zu vergessen! Daraus erwächst uns Mut und neue Kraft, Selbstvertrauen, die Erfahrung, angenommen zu sein, und Zuversicht.
Schauen wir auf die Erzählung von der Begegnung zwischen Jesus und Zachäus, die ich Ihnen gerade vorgetragen habe. Hier wird deutlich worum es geht. Da ist Zachäus, der Sünder, von allen gehasst und verachtet – „menschlich sehr verständlich“, würden wir heute sagen. Und Jesus? Er verachtet ihn nicht, er schaut nicht auf ihn herab, sondern schaut zu ihm hinauf, er begegnet ihm wahrhaft menschlich, mit Respekt und Achtung. Er ruft ihn bei seinem Namen. Er rechnet ihm nicht seine Sünden vor, er sagt auch nicht: „Ich spreche dich los von deinen Sünden!“, sondern er bittet ihn, – um einen Platz in seinem Haus, um seine Gastfreundschaft, er sucht Gemeinschaft mit ihm. Und da geht dem Zachäus das Herz auf, und er freut sich und ist zu allen guten Taten aufgelegt. Das Wesentliche ist: Jesus begegnet dem Zachäus mit Wohlgefallen, man kann auch sagen: mit „göttlichem Wohlgefallen“. Er sieht seine Würde, die in ihm wohnt, unter aller Sünde, aber dennoch, und er spricht ihn „mit Wohlgefallen“ auf diese Würde hin an. Ich bin überzeugt: Wie Jesus da mit dem Zachäus umgeht, das ist das typisch Christliche und auch der Kern aller Seelsorge.
An der Erzählung über Jesus und Zachäus ist noch etwas auffällig, was mir für eine Großstadtgemeinde wie St. Ursula wichtig ist. Mein dritter Punkt. Typisch für eine Pfarrei wie St. Ursula ist die große Mobilität der Bevölkerung. Hier in Schwabing ist es so: Alle ca. 7 Jahre hat sich im statistischen Durchschnitt die gesamte Bevölkerung ausgewechselt – weggezogen, zugezogen. Seit ich hier Pfarrer bin, also im durchschnittlichen Mittel 3 Mal hat sich die Bevölkerung ausgewechselt. Natürlich wohnen viele Schwabinger hier viel längere Zeit. Sie finden und pflegen langfristige Nachbarschaft, engagieren sich in den Kirchen und Pfarrgemeinden, oder mehr geselligen Vereinigungen, in den Parteien, in Initiativen am Ort, die Bürgersinn fördern. Sie sind wesentlich für das soziale Klima hier und in der Stadt. Aber man muss auch sehen: Tatsächlich wohnen viele hier nur ein, zwei, drei oder vier Jahre, keineswegs „von der Wiege bis zur Bahre“. Es ist ein ständiger Wechsel. Man lernt sich kennen und verliert sich wieder aus dem Blick. Das ist oft reizvoll, abermanchmal auch sehr anstrengend. Langfristige Planungen sind schwierig. Dazu kommt: Großstadtpfarreien – auch St. Ursula – werden zahlenmäßig kleiner. Vor zwanzig Jahren wohnten auf unserem Pfarrgebiet 10.000 Katholiken. Heute sind es 5.500. Das ist kein Grund zum Jammern, dass die Zeiten schlechter würden, aber zusätzlich Anlass, sich Gedanken zu machen: Wie können wir uns – auch in unserer Pfarrgemeinde – darauf einrichten mit der Verkündigung des Evangeliums, mit der Seelsorge und mit dem Dienst am Nächsten, also mit der Diakonie?
Dazu gibt uns die Erzählung über Zachäus einen Wink. Das Neue Testament und die Evangelien berichten oft, wie Jesus Leute in den engeren Kreis von Jüngerinnen und Jüngern beruft. Aber sie berichten auch von vielen punktuellen Kontakten, fast flüchtig und eher beiläufig, aus denen Erlösung und Heil für die Menschen entsteht. Ein wichtiges Beispiel ist Jesu Begegnung mit dem Oberzöllner Zachäus. Jesus bittet ihn nicht in seinen Jüngerkreis, er ruft ihn nicht wie den Zöllner Levi in die unmittelbare Nachfolge, es bleibt bei dieser einmaligen Begegnung, und doch ist – wie Jesus sagt – dem Haus des Zachäus „das Heil geschenkt worden“. Im Neuen Testament geht es also bei der Verkündigung des Evangeliums nicht ausschließlich um den Aufbau von Dauerbindungen und um Gemeindebildung. Vielmehr haben daneben auch die kurzen, zufälligen, oft nur einmaligen Begegnungen im Geiste Jesu einen hohen Rang und eine eigenständige Bedeutung. Denn auch solche unorganisierbaren und unorganisierten Begegnungen können im Sinn des Evangeliums heilsam sein für die Menschen. Ich denke: Das Gespür für den Wert solcher Begegnungen, solcher einmaligen, punktuellen en-passant-Begegnungen, ist eine wesentliche Voraussetzung, dass wir das Evangelium unter den Lebensbedingungen einer modernen Stadt vergegenwärtigen können. Zugespitzt, vielleicht etwas pathetisch formuliert, kann man sicher sagen: Eine Pfarrgemeinde ist in dem Maße wirklich städtisch geworden und im städtischen Leben zu Hause, wie die Gemeindemitglieder dieser Einsicht Raum geben können und die Bedeutung solcher Begegnungen für das Aufleuchten der Frohen Botschaft anerkennen und wertschätzen können.
Etwas zum Schluss: Sie haben sicher gesehen, dass zum heutigen Kirchweihfest oben am Kirchturm aus einer Luke eine Fahne schaut, rot mit weißem Kreuzbalken. Im Volksmund heißt diese Kirchenfahne „der Zachäus“. Das meint: Unser Kirchengebäude, jedes Kirchengebäude ist ein Haus des Zachäus. Gott, Christus wohnt in der Kirche, das heißt: er kehrt im Haus des Zachäus ein, im Haus der Sünder. Wir sind die Sünder, bei denen Jesus einkehrt, und auf allen, die hier ein und ausgehen mit ihren Hoffnungen und Sorgen, wie immer sie sind, ruht das „göttliche Wohlgefallen“, weil in ihnen „etwas wie ein göttlicher Same“ wohnt. Gott gebe, dass sich uns und allen, die in diesem Haus ein- und ausgehen, ihre Würde eröffnet, da es heißt: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden“ (V. 9). —
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